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BIBB-TUDa-Berufsorientierungsstudie

Eine junge Frau denkt über verschiedene Berufsoptionen nach.

Worum geht es?

In der BIBB-TUDa-Berufsorientierungsstudie untersuchen BIBB und Technische Universität Darmstadt zwei anerkennungssensible Angebote der beruflichen Orientierung auf ihre Wirksamkeit:  

  • Berufliches Orientierungsangebot Ausbildungsbotschafter/-innen sowie
  • das von der Projektgruppe entwickelte Workshop-Angebot "Logiken der Berufswahl"

Beide Ansätze zur beruflichen Orientierung berücksichtigen implizit oder explizit das Bedürfnis nach Wertschätzung und sozialer Anerkennung in der Berufswahl, zielen darauf ab, das Berufswahlspektrum von Jugendlichen auszuweiten und bei einer selbstbestimmteren Berufswahl zu unterstützen.

Anlass der Studie

Jugendliche lassen sich bei ihrer Entscheidungsfindung für oder gegen Berufe von unterschiedlichen Motiven leiten. Der Beruf soll Spaß machen und auch die sonstigen Umstände, wie  Arbeitszeiten, Gehalt oder Aufstiegschancen, sollen stimmen. Gleichzeitig wird ihre Berufswahl - oft nicht einmal bewusst - vom Wunsch geleitet, mit dem gewählten Beruf Wertschätzung und soziale Anerkennung zu finden und die eigene soziale Identität zu stärken (FP Bildungsorientierungen; TC Berufliche Orientierung und Übergänge). Deshalb ist es Jugendlichen sehr wichtig, wie ihre Freunde, ihre Familie und andere relevante Dritte über die Berufe, die sie in Betracht ziehen, denken. (Granato & Mutlu 2022) Erwarten Jugendliche bei der Wahl eines Berufes negative Reaktionen ihres nahen sozialen Umfelds, schließen sie diesen Beruf oftmals selbst dann aus ihren Berufswahloptionen aus, wenn er zu ihren Tätigkeitsinteressen passt (Matthes 2019; Servicestelle Jugendberufsagenturen). Auch Berufe, die aus Sicht der Jugendlichen geschlechtsuntypisch und prestigeinadäquat sind, schließen sie - zum Teil unbewusst - aus. Die beruflichen Aspirationen von Jugendlichen entwickeln sich entlang dieser Ausschlusslogiken und sind am Ende der Schulzeit wesentlich von Geschlechts- und Prestigezuschreibungen sowie von Annahmen über die vermuteten Reaktionen Dritter aus ihrem sozialen Umfeld eingegrenzt
(TC Berufsorientierung und Übergänge; FP Bildungsorientierungen). Damit steigt jedoch auch das Risiko, einen Beruf weniger entlang ihrer eigenen Interessen und Fähigkeiten zu  wählen als entlang von Klischeevorstellungen und Urteilen Dritter.

Zwei neuere Ansätze zur Förderung der Beruflichen Orientierung

Wie können anerkennungssensible BO-Angebote dazu beitragen die beruflichen Aspirationen junger Menschen auszuweiten und sie bei einer reflektierten und selbständigen Berufswahl zu unterstützen?

Um die Bedeutung der Anerkennungsbedürfnisse von Jugendlichen in Berufsorientierungsangeboten stärker zu berücksichtigen, beschreitet die BIBB-TUDa-Berufsorientierungsstudie zwei verschiedene Wege:

Schülerinnen und Schüler hören im Klassenraum einem Vortrag zu

1. BO-Angebot Ausbildungsbotschafter/-botschafterinnen

Ein Weg besteht darin, Jugendlichen Kontakte zu Auszubildenden zu ermöglichen. Dies geschieht zum Beispiel durch den Einsatz von Ausbildungsbotschaftern/-botschafterinnen in Schulen. Die Schüler/-innen erfahren dabei von Gleichaltrigen, d.h. auf Augenhöhe, wie und was in den verschiedenen Berufen gelernt und gearbeitet wird. Dabei fungieren die Ausbildungsbotschafter implizit als berufliche Rollenvorbilder (Role Models). Durch sie erhalten die Jugendlichen einen plastischen Eindruck davon, mit welchen gelebten sozialen Identitäten sich die vorgestellten Ausbildungsberufe verbinden können.

BIBB-TUDA BO-Angebot Workshop „Logiken der Berufswahl“

2. BIBB-TUDa BO-Angebot Workshop „Logiken der Berufswahl“

Ein weiterer Weg ist, die Jugendlichen explizit vertraut zu machen mit den bislang oftmals unbewussten Logiken der Berufswahl, wie z. B. der Bedeutung von Urteilen und Klischeevorstellungen Dritter für ihre eigene Berufswahl. Das BIBB und die Technische Universität Darmstadt haben hierzu eigens einen Workshop entwickelt und an Schulen erprobt (Oeynhausen & Mutlu 2022). Schüler/-innen erfahren bei diesem Workshop auf spielerischem Wege, wie eigene berufliche Interessen und Anerkennungsbedürfnisse gegenüber Dritten bei der Berufswahl zusammenwirken. Auf diese Weise können sie bislang implizite Berufswahllogiken erkennen und bewusst reflektieren.

Die Wirksamkeit anerkennungssensibler Beruflicher Orientierung untersuchen

Wie wird die Wirksamkeit der beiden anerkennungssensiblen BO-Angebote in der BIBB-TUDa-BO Studie untersucht?

Beide Angebote der beruflichen Orientierung – Ausbildungsbotschafter/-innen und der BIBB-TUDa-BO Workshop „Logiken der Berufswahl“ – sind noch relativ neu. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und die Technische Universität Darmstadt (TUDa) untersuchen in einer quasi-experimentellen Interventionsstudie die Wirkungen beider Angebote. Die Ergebnisse fließen in die Weiterentwicklung einer evidenzbasierten BO-Praxis ein.

Hierzu werden Schülerinnen und Schüler in der Schulklasse vor und nach dem Einsatz des berufsorientierenden Angebots (d.h. der Intervention) mit Hilfe von standardisierten Fragebögen befragt. Thema ist, wie die Jugendlichen die Besuche der Ausbildungsbotschafter/-innen bzw. den Workshop „Logiken der Berufswahl“ erlebt haben und einschätzen. Gleichzeitig wird untersucht, inwieweit sich die beruflichen Aspirationen von Jugendlichen ausweiten und die Angebote dazu beitragen Jugendliche bei einer selbstbestimmteren und reflektierteren Berufswahl zu unterstützen.

Die Untersuchung wurde an weiterführenden Schulen als Interventionsstudie im Rahmen eines quasi-experimentellen Forschungsdesigns mit Treatment- und Kontrollgruppe in enger Kooperation mit den zuständigen Kammern durchgeführt. Sie erlaubt Aussagen zur kurz- und mittelfristen Wirksamkeit beider BO-Angebote. Sie ist eine gemeinsame Studie des BIBB-Forschungsprojekts 2.1.310 "Bildungsorientierungen und -entscheidungen von Jugendlichen im Kontext konkurrierender Bildungsangebote" und der Technischen Universität Darmstadt, Professur Berufspädagogik und Berufsbildungsforschung (Prof. Dr. Birgit Ziegler

 

Was kann anerkennungssensible BO zur Berufswahl von Schüler*innen beitragen – Erste Ergebnisse

Wie wirksam sind die beiden in der BIBB-TUDA BO Studie untersuchten anerkennungssensiblen BO-Angebote, um die beruflichen Aspirationen junger Menschen auszuweiten und sie bei einer reflektierten und selbständigen Berufswahl zu unterstützen?

1. BO-Angebot Ausbildungsbotschafter/-botschafterinnen – erste Ergebnisse

… Ausbildungsbotschafter/-innen – so die Ergebnisse der BIBB/TUDa-Berufsorientierungsstudie - erhöhen im Durchschnitt die berufliche Neigung für die vorgestellten Berufe bei den teilnehmenden Schüler/-innen

… Dieser Interventionseffekt ist auch dann wirksam, wenn die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler familiär und in der Klasse in unterschiedlichen sozialen Kontexten sozialisiert werden

… In der Phase der Berufsorientierung besteht – das bestätigen auch die Resultate der vorliegenden Studie - eine geschlechtsspezifisch verengte Sicht auf IT-Berufe bei. Ausbildungsbotschafter/-innen (Rollenvorbildern), die in Schulen sich und ihre Berufe vorstellen, kann es gelingen – so erste Ergebnisse der BIBB/TUDa-Berufsorientierungsstudie – bestehende Geschlechterunterschiede in der Wahrnehmung von IT-Ausbildungsberufen zu reduzieren, so zum Beispiel bei IT-Fachinformatiker/-innen. (Beckmann, Estela Esteve, Granato 2023)

… Ausbildungsbotschafter/-innen können gerade bei Schülerinnen dazu beitragen, berufsspezifsche Kenntnisse, die Selbstwirksamkeit sowie das Interesse an IT-Ausbildungsberufen zu erhöhen und damit die geschlechtsspezifisch verengte Sicht auf IT-Berufe zu weiten. (Beckmann, Estela Esteve, Granato 2023)

2. BIBB-TUDa BO-Angebot Workshop „Logiken der Berufswahl“ – erste Ergebnisse

… Die Mehrheit der Schüler*innen bewertet unmittelbar nach ihrer Teilnahme den Workshop „Logiken der Berufswahl“ als positiv bzw. als teilweise positiv.
(Oeynhausen, Mutlu, Granato & Athanasiadi 2024)

… Je größer das Interesse am Thema Berufswahl bereits vor der Teilnahme am Workshop ist, desto positiver sind die Workshop-Bewertungen der teilnehmenden Schüler/-innen. (Oeynhausen, Mutlu, Granato & Athanasiadi 2024)

… Durch den Workshop steigen bei den Jugendlichen – ihren Angaben zu Folge – Selbstreflexion und Bewusstsein für die eigene Berufswahl.
(Oeynhausen, Mutlu, Granato & Athanasiadi 2024)

… Der Workshop „Logiken der Berufswahl“ ermutigt junge Menschen – so Ergebnisse der BIBB-TUDa BO-Studie dazu, ihre Berufswahl bewusster anzugehen. Er bietet den Schülerinnen und Schülern Raum, das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung im Zusammenhang mit ihren Berufsentscheidungen zu reflektieren.
(Mutlu, Ziegler, Granato 2024)

… Besonders Schüler*innen, die vermuten, dass ihre Eltern genaue Vorstellungen haben, welchen Bildungsweg sie später einschlagen sollen, werden durch die Teilnahme am Workshop „Logiken der Berufswahl“ zum Nachdenken angeregt und bewerten den Workshop als hilfreich.
(Oeynhausen, Mutlu, Granato & Athanasiadi 2024)

… Schüler*innen, die vermuten, dass ihre Eltern eine Berufsausbildung von ihnen erwarten, werden den vorliegenden Analysen zu Folge vermehrt zu Reflexionsprozessen angeregt. Dieses Ergebnis lässt sich dahingehend deuten, dass gerade die Jugendlichen, die eine hohe berufliche Ausbildungserwartung ihrer Eltern erwarten, durch die Teilnahme am Workshop eine Aufwertung des Bildungswegs „berufliche Ausbildung“ wahrnehmen.
(Oeynhausen, Mutlu, Granato & Athanasiadi 2024)

… Insgesamt deuten die bisherigen Analysen der BIBB-TUDa BO-Studie darauf hin, dass der Workshop „Logiken der Berufswahl“ besonders hilfreich für unsichere und bisher beruflich weniger orientierte Schüler*innen ist.
(Oeynhausen, Mutlu, Granato & Athanasiadi 2024)

… Die im Nachhinein von den Schülerinnen und Schülern berichteten Berufswahlaktivitäten deuten darauf hin, dass der Workshop für eine Reihe von Schüler*innen eine aktivierende Wirkung hat. Ein Teil der Schüler/-innen, die am Workshop teilgenommen haben, haben die Zeit danach genutzt, um neue Eindrücke zu verarbeiten, weitere Informationen zu suchen und Gespräche mit relevanten Personen zu führen, was eine ausgesprochen positive Wirkung auf die Teilnehmer hat. Der Workshop kann also aufrütteln und aktivieren und auch dadurch junge Menschen in ihrer Berufsorientierung unterstützen. Zusätzlich hilfreich wäre es, den Workshop Logiken der Berufswahl in ein abgestimmtes Set von abgestimmten anerkennungssensiblen BO-Angeboten zu integrieren.
(Mutlu, Ziegler, Granato 2024)

Stand der Informationen: 19.03.2025

Mittwoch, 18. September 2024

Logiken der Berufswahl - Ergebnisse eines anerkennungssensiblen Berufsorientierungsworkshops

Der Workshop "Logik der Berufswahl" ermutigt junge Menschen, ihre Berufswahl bewusster anzugehen. Er bietet den Schüler/-innen Raum, das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung im Zusammenhang mit ihren Berufsentscheidungen zu reflektieren.

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Freitag, 21. Juni 2024

Kann der Einsatz des BO-Angebots „Logiken der Berufswahl“ Jugendlichen bei einer reflektierteren Berufswahl unterstützen?

Antworten auf diese und andere Fragen geben erste Ergebnisse aus der BIBB-TUDa-Berufsorientierungsstudie zum Workshop. Thematisiert wird auch inwieweit der anerkennungssensible Workshop ein Bewusstsein für das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung bei der Berufswahl junger Menschen schaffen kann.

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Logics of Career Choice – Concept and Results of an Approval-Sensitive Career Guidance Workshop

Mutlu, Sevil; Ziegler, Birgit; Granato, Mona | 2024

Frontiers in Psychology; 14 (2024) S. 1235221

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Workshop Logiken der Berufswahl – Wie Jugendliche ein anerkennungssensibles und reflexives Angebot zur Beruflichen Orientierung wahrnehmen

Oeynhausen, Stephanie; Mutlu, SevilGranato. Mona; ; Athanasiadi, Ermioni; Mutlu, Sevil | 2024

Berufs- und Wirtschaftspädagogik - online (2024) Spezial 22, S. 1-31

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Ausbildungs- und Studienaspirationen von Jugendlichen und elterliche Bildungserwartungen. Ergebnisse der BIBB-TUDa-Berufsorientierungsstudie

Schratz, Rafael; Grundmann, Nico 2024

Datenreport zum Berufsbildungsbericht (2024): Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2024. Bonn 2024, S. 218-225

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Können Rollenvorbilder junge Frauen für IT-Ausbildungsberufe begeistern? : „Ausbildungsbotschafter“ als Beispiel einer anerkennungssensiblen Berufsorientierung

Beckmann, Janina; Esteve, Alba Estela; Granato, Mona | 2023

Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis : BWP; 52 (2023) H. 2; Seite 18-22

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Implizite und explizite Theoriebezüge in Maßnahmen zur Berufsorientierung

Ziegler, Birgit | 2023

In: BWP 52 (2023) 2, S. 13-17

Berufsorientierungsangebote „anerkennungssensibel“ gestalten : Vorstellung eines innovativen Workshopkonzepts

Oeynhausen, Stephanie; Mutlu, Sevil | Bonn; Bundesinstitut für Berufsbildung | 2022

BIBB Discussion Paper; 1 Online-Ressource (15 Seiten)

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Ausbildungswünsche konzentrieren sich auf wenige Berufe. Wie Anerkennungsbedürfnisse die Berufswahl beeinflussen und was das für die Beratungspraxis bedeutet

Stephanie Oeynhausen | Servicestelle Jugendberufsagenturen | 2021

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Ausbildungsbotschafterbesuche als Instrument der Berufsorientierung : Wege zum Beruf aufzeigen, Identifikationspotenziale erschließen

Athnanasiadi, Ermioni; Schare, Teresa; Ulrich, Joachim Gerd | 2020

Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis : BWP; 49 (2020), H. 4; S. 40-44

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Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung bei der Berufswahl von Jugendlichen

Oeynhausen, Stephanie; Ulrich, Joachim Gerd | 2020

In: Brüggemann, Tim; Rahn, Sylvia (Hrsg.): Berufsorientierung : Ein Lehr- und Arbeitsbuch. - 2., überarb. und erw. Aufl. - Münster: Waxmann. - S. 97-108
ISBN Print 978-3-8252-5249-6
ISBN E-Book 978-3-8385-5249-1

Persönliche Identifikationscodes: Überlegungen im Rahmen einer Befragung von Schülerinnen und Schülern

Schratz, Rafael | 2020

BIBB-Preprint; 10 S.

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Berufliche Aspirationen Jugendlicher erfassen und reflektieren. Theoretischer Hintergrund, Merkmale und Umsetzungsmöglichkeiten am Beispiel eines Online Tools

Ziegler, Birgit; Engin, Gaby; Rotter, Elisabeth | 2020

In: Brüggemann, Tim; Rahn, Sylvia (Hrsg.): Berufsorientierung : Ein Lehr- und Arbeitsbuch. - 2. überarb. und erw. Aufl. - Münster: Waxmann. - S. 415 - 426
ISBN Print 978-3-8252-5249-6
ISBN E-Book 978-3-8385-5249-1

Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktions- und Aversionsfaktoren in der Berufsfindung

Matthes, Stephanie | Leverkusen: Barbara Budrich | 2019

Berichte zur beruflichen Bildung; 227 S.

ISBN: 978-3-96208-104-1

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Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung bei der Berufswahl von Jugendlichen

Granato, Mona; Matthes, Stephanie; Ulrich, Joachim Gerd | 2018

Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2018; S. 440-447

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The need for social approval and the choice of gender-typed occupations

Eberhard, Verena; Matthes, Stephanie; Ulrich, Joachim Gerd | 2015

Gender segregation in vocational education / Christian Imdorf [Hrsg.] ; Kristinn Hegna [Hrsg.] ; Liza Reisel [Hrsg.]; S. 205-235

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