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Forschungsprojekt Bildungsorientierungen und -entscheidungen von Jugendlichen

Bildungs- und Berufsaspirationen sind eine bedeutsame Voraussetzung für einen gelingenden Übergang Schule – Ausbildung von Jugendlichen. Daher konzentriert sich das Forschungsprojekt „Bildungsorientierungen und -entscheidungen von Jugendlichen“ (FP BO) auf die Aspirationen und den Berufsfindungsprozess von Jugendlichen und fragt nach den Bedingungen, die zu einer Annäherung oder Ablehnung von Bildungswegen und Berufen beitragen

Welches sind die Ziele des Forschungsprojekts?

Die Herausbildung von Bildungs- und Berufsaspirationen ist ein bedeutsamer Entwicklungsschritt im Jugendalter und eine wichtige Voraussetzung für gelingende Übergänge von der Schule in Ausbildung und Beruf. Ein zentrales Projektziel ist es daher, jene individuellen, sozialen und kontextuellen Bedingungen zu eruieren, die Jugendliche dazu bewegen sich vorhandenen Ausbildungsangeboten anzunähern oder sie außer Acht zu lassen bzw. abzulehnen.

Worum geht es?

Die nach wie vor bestehenden bedeutsamen Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt, erhöhen auf beiden Seiten des Marktes die erfolglosen Marktteilnahmen, so dass sowohl die Zahl der unbesetzten Stellen als auch die Zahl der unversorgten Jugendlichen seit Jahren auf hohem Niveau verharrt. Zugleich tragen demographischer Wandel, die Erfahrungen von Jugendlichen und Familien in der Pandemie sowie sich verändernde gesellschaftliche Transformationsprozesse zu sich verändernden Bildungsaspirationen bei. Das Forschungsprojekt „Bildungsorientierungen und -entscheidungen von Jugendlichen“ konzentriert sich daher auf den Berufsfindungsprozess von Jugendlichen untersucht dabei:

  • Welche individuellen, sozialen und kontextuelle Bedingungen wirken sich auf die Bildungs- und Berufsaspirationen von Jugendlichen aus und bewegen Jugendliche dazu, vorhandenen Ausbildungsangebote in Betracht zu ziehen oder sie außer Acht zu lassen bzw. abzulehnen?
  • Unter welchen Bedingungen treffen Jugendliche bestimmte Bildungs- und Berufswahlentscheidungen und revidieren diese auch gegebenenfalls im weiteren Berufsfindungsprozess?
  • Wie können Berufsorientierungsangebote dazu beitragen, das Berufswahlspektrum junger Menschen auszuweiten und sie bei einer selbstbestimmten Berufswahl zu unterstützen?

Ausgewählte Ergebnisse

Ein wichtiger erster Schritt in der Phase der beruflichen Orientierung stellt für junge Menschen die Herausbildung von Aspirationen dar, die als Handlungsziele den Übergang von der Schule in den Beruf strukturieren können.

Die beruflichen Aspirationen junger Menschen sind neben den beruflichen Interessen weiterhin wesentlich durch die wahrgenommene Geschlechtstypik und das Prestige von Berufen geprägt. So streben Jungen deutlich seltener soziale oder Pflegeberufe an (Matthes 2019), Mädchen streben hingegen deutlich seltener Berufe aus dem weitgehend männerdominierten MINT-Bereich an (Beckmann 2021).

Als ein wichtiger Erklärungsfaktor stellen sich Geschlechterunterschiede in den berufs- bzw. fachspezifischen Selbstwirksamkeitserwartungen dar, d.h. Mädchen gehen seltener als Jungen davon aus, die Anforderungen eines MINT-Schulfachs bzw. einen MINT-Berufs gut bewältigen zu können, was ihr Interesse für den MINT-Bereich schmälert (Beckmann 2021) ; Beckmann, Estela Esteve und Granato 2023).

Dies bedeutet: Wenngleich junge Frauen ein grundsätzliches Interesse an Berufen im MINT-Bereich und hohe Fähigkeiten in Mathematik und Naturwissenschaften aufweisen, streben sie seltener einen MINT-Beruf an als junge Männer. Dieser Geschlechterunterschied in den beruflichen Aspirationen ist, so Analysen auf der Grundlage des NEPS, besonders ausgeprägt in Klassen, in denen Mitschülerinnen und Mitschüler ihre Fähigkeiten in Mathematik als hoch bewerten und ein hohes Interesse an MINT-Berufen aufweisen. Soziale Vergleiche mit Gleichaltrigen im Klassenkontext führen also beispielsweise dazu, dass junge Frauen ihre Fähigkeiten in solchen Umgebungen eher unterschätzen und einen Berufswunsch im MINT-Bereich wieder fallen lassen. Junge Männer hingegen bilden in solchen „kompetitiven“ Klassenumgebungen (noch) höhere MINT-Aspirationen für MINT-(Schul)Fächer aus (Beckmann, 2021).

Die sozialen und institutionellen Kontexte, in die Jugendliche eingebettet sind, erweisen sich als bedeutsam für die Entwicklung beruflicher Aspirationen. Insbesondere das familiäre Umfeld als zentrale Sozialisationsinstanz beeinflusst die Entwicklung von Aspirationen. Jugendliche nehmen sehr genau wahr, welche Bildungswege ihre Eltern von ihnen erwarten. Ein Großteil der Eltern hat nach Ansicht von Schülerinnen und Schülern konkrete Vorstellungen über den künftigen Bildungsweg (berufliche Ausbildung oder Studium) ihre Kinder nach der allgemeinbildenden Schulzeit (Schratz/Grundmann 2024 / Kap. A 8.5 Datenreport 2024). Die Elternerwartungen beeinflussen implizit die Bildungs- und Berufsaspirationen von Jugendlichen. Gehen Schüler*innen z.B. von einer stark ausgeprägten Ausbildungserwartung ihrer Eltern aus, können sie sich selbst eine berufliche Ausbildung deutlich besser vorstellen, als wenn aus ihrer Sicht bei ihren Eltern eine schwach ausgeprägte Elternerwartung besteht. Dies gilt für alle Schulformen. Ein ähnlicher Zusammenhang besteht für die Studienerwartungen. Dabei zeigt sich in vielen Fällen eine hohe Übereinstimmung zwischen den Bildungserwartungen der Eltern und den Bildungsaspirationen der Jugendlichen (Schratz/Grundmann 2024).

Die Bedeutung familiärer Sozialisationsprozesse wird auch bei der Weitergabe beruflicher Interessen deutlich. Für das Handwerk wurde exemplarisch untersucht, wie wichtig die Affinität von Eltern zu Berufen bei der Berufswahl ist (Ulrich/Mischler 2018). Je mehr Anknüpfungspunkte die Eltern selbst zum Handwerk haben – sei es, dass sie selbst im Handwerk arbeiten, sei es, dass sie Bekannte aus dem Handwerk haben – desto größer ist die Bereitschaft von Jugendlichen in ihrer Berufswahl einen Beruf im Handwerk in Betracht zu ziehen. Umgekehrt wirken elterliche Bildungsaspirationen in Richtung auf ein Studium: Je stärker die Erwartungen der Eltern – aus Sicht der befragten Jugendlichen - an ihre Kinder auf Abitur und Studium gerichtet sind, desto geringer ist die Bereitschaft der Jugendlichen, einen Handwerksberuf in Erwägung zu ziehen. Handwerksaffine Jugendliche, die häufiger aus einer Familie und einem sozialen Umfeld kommen, das ihre positive Haltung zum Handwerk teilt, nehmen nicht nur das Handwerk und die einzelnen Berufe positiver wahr, sie wissen auch mehr über Handwerksberufe. Im Vergleich zu Jugendlichen ohne familiären Bezug zum Handwerk bzw. mit auf Abitur gerichteten elterlichen Aspirationen sind sie besser informiert und schätzen Innovation, Vielfalt der beruflichen Aktivitäten und die Arbeit mit moderner Technik in Handwerksberufen höher ein (Ulrich/Mischler 2018). Jugendliche mit geringerer Handwerksaffinität können unsicher sein, inwieweit ein Beruf im Handwerk zu ihrer sozialen Anerkennung beitragen kann.

Auch für Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit Hochschulreife ist das duale Ausbildungssystem eine attraktive Alternative zu tertiären Bildungsgängen. Jugendliche mit einem Abitur streben gleichfalls eine berufliche Ausbildung an, um ihre beruflichen Interessen und Ziele zu verwirklichen (Eberhard/Schnitzler/Mentges 2022). Die meisten Jugendlichen mit (Fach-)Hochschulreife entscheiden sich für solche Ausbildungsberufe, in denen die meisten Auszubildenden eine Hochschulreife haben (z. B. Bankkaufmann/-frau).

Gleichzeitig gibt es Jugendliche mit Abitur, die Berufe ergreifen, die nicht typisch für ihren Schulabschluss sind, so Analysen auf Datenbasis der DZHW-Panelstudie 2018 von Schulabgänger*innen mit einem Hochschulabschluss. Die selbst eingeschätzten Stärken der befragten Jugendlichen mit Abitur und ihre beruflichen Ziele erklären, warum sie abschlussuntypische Ausbildungsberufe anstreben. Entgegen der Annahmen streben Jugendliche aus Akademikerfamilien nicht seltener Nicht-Hochschulberufe an (Eberhard/Schnitzler/Mentges 2022).

Seit Jahren konzentrieren sich Jugendliche bei ihrer Berufswahl auf wenige Berufe. Das Forschungsprojekt Bildungsorientierungen ergänzt die Untersuchungen zu den Faktoren die berufliche Aspirationen und die Berufswahl beeinflussen um die zentrale, aber bisher in der Forschung vielfach vernachlässigte Frage, warum Berufe nicht gewählt werden.

Bei ihrer Berufswahl versuchen Jugendliche eine Passung zwischen dem angestrebten Beruf und ihren beruflichen Vorstellungen (berufliches Selbstkonzept) herzustellen. Dabei spielen nicht nur ihre Tätigkeitsinteressen oder die Rahmenbedingungen (wie Einkommen oder Arbeitszeiten) eines Berufs eine zentrale Rolle. Auch die Wahrnehmung der sozialen Passung ist wesentlich dafür, ob ein Beruf in den Berufswahloptionen von Jugendlichen berücksichtigt wird (Mischler/Ulrich 2018). Ein zentrales Ergebnis des Forschungsprojekts Bildungsorientierungen zu Nicht-Wahl ist: Jugendliche schließen Berufe während der Berufsorientierung vor allem dann aus, wenn sie negative Reaktionen von relevanten Dritten ihres sozialen Umfelds (Familie, Freunde) erwarten, auch dann, wenn diese Berufe zu ihren Interessen und Fähigkeiten passen (Matthes 2019). Die Berufswahl junger Menschen ist geleitet durch das Bedürfnis nach Wertschätzung sowie sozialer und gesellschaftlicher Anerkennung. Berufe, die dieses Bedürfnis nicht erfüllen, werden von Jugendlichen nicht angestrebt.

Auch Berufe, die aus Sicht der Jugendlichen geschlechtsuntypisch und prestigeinadäquat sind, schließen sie – zum Teil unbewusst – aus. Die beruflichen Aspirationen von Jugendlichen entwickeln sich entlang dieser Ausschlusslogiken und sind am Ende der Schulzeit wesentlich von Geschlechts- und Prestigezuschreibungen sowie von Annahmen über die vermuteten Reaktionen Dritter aus ihrem sozialen Umfeld eingegrenzt (Ziegler 2023).

Die soziale Anerkennung durch Freunde und Familie ist z.B. für die Nicht-Wahl von Pflegeberufen entscheidend. Weitere Faktoren des Ausschlusses von Berufen sind subjektiv wahrgenommene unpassende Rahmenbedingungen (Oeynhausen 2021). Aber auch ein geringes Selbstvertrauen und fehlende Berufskenntnisse, zum Beispiel bei Schülerinnen in IT-/MINT-Berufen tragen dazu bei diese Ausbildungsberufe aus den Berufswahloptionen auszuschließen (Beckmann/Esteve/Granato 2023).

Im Rahmen des Themenclusters geht das Forschungsprojekt „Bildungsorientierungen und -entscheidungen“ gemeinsam mit zwei weiteren BIBB-Forschungsprojekten (NEPS-BB24; BOR3) diesen Fragen nach. Unerfüllte Berufswünsche bzw. -erwartungen erweisen sich für den weiteren Ausbildungsverlauf als bedeutsam. Analysen auf der Grundlage des NEPS weisen darauf hin, dass Auszubildende, die eine (duale oder vollzeitschulische) Berufsausbildung in einem Berufsfeld begonnen haben, das fachlich stark von ihren ursprünglichen Berufserwartungen abweicht, ihr erstes Ausbildungsverhältnis mit einer höheren Wahrscheinlichkeit wieder auflösen (NEPS, Nationales Bildungspanel, Startkohorte 4, n= ca. 7.000). So beenden etwa 13 Prozent der Auszubildenden, die starke Kompromisse bei ihrer Berufswahl eingegangen sind, ihre berufliche Ausbildung vorzeitig im ersten Ausbildungsjahr. Unter denjenigen, die ihre Erwartungen durch die Wahl ihres Ausbildungsberufes erfüllen konnten, sind es nur 6 Prozent (Siembab, Beckmann, Wicht 2023).

Ein vergleichbarer Zusammenhang besteht zwischen beruflichen Kompromissen hinsichtlich der Geschlechtstypik und der Wahrscheinlichkeit einer vorzeitigen Ausbildungsbeendigung. Auszubildende beenden ihre Ausbildung häufiger vorzeitig, wenn sie in einen Beruf eingemündet sind, der einen geringeren Anteil des eigenen Geschlechts aufweist. Darüber hinaus weisen die Befunde darauf hin, dass insbesondere Frauen, die entgegen ihrer beruflichen Erwartungen einen männlich-dominierten Ausbildungsberuf ergreifen, eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine vorzeitige Beendigung aufweisen. (Beckmann, Wicht, Siembab 2023). Zudem zeigen weitere Ergebnisse auf Basis der NEPS-Daten, dass Frauen und Männer, die einen geschlechtsuntypischen Ausbildungsberuf ergreifen, diesen häufiger vorzeitig verlassen. Frauen führen diese Entscheidung dabei häufiger auf eine fehlende soziale Integration in Schule oder Betrieb zurück, wohingegen Männer unerfüllte Berufswünsche und falsche Erwartungen als zentralen Grund nennen (Beckmann 2023).

Für die vorzeitige Beendigung spielt auch der erreichte soziale Status eine Rolle. Weicht der Ausbildungsberuf vom angestrebten sozialen Status ab, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer vorzeitigen Ausbildungsbeendigung leicht, sowohl wenn ein niedrigerer oder höherer Status als erwartet mit dem Ausbildungsberuf realisiert wurde. Ergebnisse auf Basis des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zeigen in eine ähnliche Richtung. (Beckmann, Wicht, Siembab 2023)

Wird das Bedürfnis junger Menschen nach Wertschätzung und nach sozialer Anerkennung in der beruflichen Orientierung (Granato/Mutlu 2022) und ihren Angeboten nicht genug berücksichtigt, steht es einer selbstbestimmten und interessengeleiteten Berufswahl im Wege und begrenzt frühzeitig das Berufswahlspektrum junger Menschen (Ziegler 2023). Zudem fehlt es auch weiterhin an evidenzbasierten Studien zur Wirksamkeit von Angeboten der beruflichen Orientierung.

Daher werden im Rahmen des Forschungsprojekts BO in Kooperation mit der TU Darmstadt in der BIBB-TUDa-Berufsorientierungsstudie zwei anerkennungssensible Präsenzangebote der beruflichen Orientierung in Schulen mit Hilfe einer (quasi)experimentellen Interventionsstudie auf ihre Wirksamkeit hin untersucht (BIBB-TUDa; Athanasiadi/Schare/Ulrich 2020) , Beckmann/Estela Esteve/Granato 2023) bzw. entwickelt, erprobt und in einer (quasi)experimentellen Interventionsstudie evaluiert (BIBB-TUDa, Oeynhausen/Mutlu 2022, Mutlu/Ziegler/Granato 2024, Oeynhausen/Mutlu/Granato/Athanasiadi 2024).

Beide Angebote – „die Ausbildungsbotschafter/-innen“ und der Workshop „Logiken der Berufswahl“ setzen an den beruflichen Aspirationen junger Menschen an und greifen dabei auf berufliche Rollenmodelle und Reflexionsprozesse zurück. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass auch einmalige Angebote zur Berufsorientierung einen Unterschied machen können und z.B. dazu beitragen können beruflichen Aspirationen zu verändern und Geschlechterunterschiede in der Berufswahl zu reduzieren oder das Interesse am Thema Berufswahl zu wecken. Die Ergebnisse fließen in die Weiterentwicklung einer evidenzbasierten BO-Praxis ein, z.B. in das Forschungsprojekt onBoard, das ein digitales, anerkennungssensibles Berufsorientierungsangebot entwickelt, erprobt und in einer Interventionsstudie auf seine Wirksamkeit hin untersucht.

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2.1.310 - Bildungsorientierungen und -entscheidungen von Jugendlichen im Kontext konkurrierender Bildungsangebote

Laufzeit I-14 bis II-26

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